Das Remake, nach dem niemand gefragt hat: „The Rocky Horror Picture Show“ (2016)

Es gibt Filme, die sind mehr als nur Unterhaltung – sie sind Institutionen. Die Rocky Horror Picture Show von 1975 ist genau das: ein absolutes Kultobjekt, eine Ikone des Musical-Kinos und ein Symbol für sexuelle Befreiung und Nonkonformismus. Dass ein Film auch 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch immer regelmäßig in den Kinos läuft, ist ein Phänomen, das seinesgleichen sucht.

Ein entscheidender Faktor für den Erhalt dieser Magie war im deutschsprachigen Raum wohl auch, dass man den Film nie synchronisiert hat. Ein Frevel, der uns glücklicherweise erspart blieb. Doch 2016 wagte man sich an ein offizielles Remake für das Fernsehen – ein Projekt, das bei Fans auf wenig Gegenliebe stieß. Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums dieser Neuverfilmung habe ich das Wagnis nun noch einmal auf mich genommen und mir das Remake erneut angesehen – in der Hoffnung, mit etwas zeitlichem Abstand vielleicht doch noch unentdeckte Qualitäten zu finden.

Ein vielversprechender Anfang

Man muss dem Film eines lassen: Er beginnt außerordentlich stark. Während das Original mit den ikonischen, schwebenden Lippen von Patricia Quinn (und der Stimme von Richard O’Brien) startet, orientiert sich das Remake hier näher an der ursprünglichen Bühnenfassung.

Wir sehen die „Usherette“ (die Platzanweiserin im Kino), die uns singend in die Welt des Films führt. Dieser Einstieg atmet den Geist des Theaters und weckt kurzzeitig die Hoffnung, dass hier eine liebevolle Hommage entstanden sein könnte.

Lichtblicke im Ensemble: Frank und Eddie

Inmitten der vielen Fehlbesetzungen gibt es jedoch zwei Lichtblicke. Laverne Cox als Dr. Frank’N’Furter liefert eine beeindruckende Performance ab. Sie passt stimmlich und von ihrer Präsenz her hervorragend in die Rolle. Auch ihr Make-up-Stil ist exzellent und fängt die Extravaganz der Figur perfekt ein. Zwar leidet auch ihr Kostüm unter dem Problem, bisweilen „zu perfekt“ zu sein, doch bei Frank’N’Furter lässt sich das am ehesten rechtfertigen.

Allerdings bringt diese Besetzung eine interessante Verschiebung der Charakterdynamik mit sich: Da Laverne Cox eine Transfrau ist, geht der ursprüngliche Touch des „Mannes in Frauenkleidern“ verloren. Was im Original von 1975 durch Tim Curry eine bewusste Überschreitung von Geschlechtergrenzen war, wirkt hier natürlicher und weniger „transgressiv“. Es ist eine moderne Interpretation, die jedoch einen Teil des subversiven Kerns opfert.

Ebenso überzeugt die Besetzung von Eddie durch Adam Lambert. Er bietet zwar einen starken optischen Kontrast zum eher bulligen Meat Loaf aus dem Original, bringt aber die nötige stimmliche Gewalt und Rock’n’Roll-Energie mit.

Eddie: Spektakel schlägt Logik

Doch so gut Adam Lambert auch singt, seine Inszenierung leidet unter Oberflächlichkeit. Eddie bricht hier mit seinem Motorrad durch ein Fenster herein – ein reiner Action-Moment, der die Story-Logik komplett ignoriert.

Im Original kommt Eddie aus einer Gefrierkammer, was dramaturgisch sinnvoll ist. Schließlich hat Frank ihm die Hälfte seines Gehirns entnommen. Dass Eddie im Remake später dennoch zum Dinner serviert wird, führt nach der neuen Inszenierung seines Ablebens direkt in ein massives Logikloch.

Kulisse: Dekoriert statt heruntergekommen

Ein massiver Kritikpunkt ist die Umgebung. Das „Schloss“ ist faktisch das Kino aus dem Intro. Diese Wahl nimmt der Geschichte jede Bedrohlichkeit. Besonders deutlich wird dies im Labor, das eher wie eine bunte Theaterkulisse als wie ein Ort wissenschaftlichen Wahnsinns wirkt.

Dieser Mangel an passender Location führt zu absurden Produktionsentscheidungen. Ein bezeichnendes Beispiel ist der erste Auftritt von Frank nach dem Time Warp. Er wird auf einem Kranpodest hereingefahren und langsam heruntergelassen. Das wirkt nicht nur unwürdig, sondern schlichtweg billig. Fast schon tragikomisch ist, dass genau diese Hebeplattform für die emotionale Nummer „I’m Going Home“ (Cards for Sorrow) noch einmal herausgekramt wird.

Meta-Ebenen und Orchester-Wahn

Ein konzeptionelles Problem des Remakes ist die Vermischung verschiedener Meta-Ebenen. Einerseits wird immer wieder ein fiktives Kinopublikum eingeblendet, das die bekannten Fan-Rituale vollzieht. Was als Hommage gedacht war, wirkt oft künstlich und nimmt der Handlung den Fluss.

Davon zu unterscheiden ist die Inszenierung innerhalb der Show: Während der Floorshow und Franks Abschiedssong „I’m Going Home“ stehen plötzlich ein Orchester und Backgroundsänger auf der Bühne. Das nimmt die Absurdität einer Revue-Show vor einem leeren Haus komplett weg. Die Isolation des Originals wird durch ein überproduziertes Konzert-Setting ersetzt, das eher an eine harmlose Varieté-Nummer erinnert.

Bedrohung ohne Biss: Riff Raff und Magenta

Ein völlig eigener, problematischer Punkt zeigt sich in der Inszenierung des Finales. Während Frank seinen großen Abschiedssong singt, ist das zuvor gezeigte Publikum plötzlich wie von Geisterhand verschwunden. Übrig bleiben Riff Raff und Magenta, die völlig alleine in den leeren Reihen sitzen und gelangweilt zusehen.

Diese Entscheidung ist ein echter Stimmungskiller: Die beiden, die Frank eigentlich unmittelbar bedrohen und seinen Untergang besiegeln sollen, wirken hier wie desinteressierte Zuschauer ihrer eigenen Geschichte. Die logische Kontinuität geht völlig verloren, und jede dramaturgische Spannung verpufft in dieser künstlichen Atmosphäre. Anstatt Bedrohung zu spüren, fragt man sich nur, warum die beiden dort so deplatziert herumsitzen.

Musicalnummern ohne Taktgefühl

Besonders schmerzhaft zeigt sich dieser Mangel an Atmosphäre im legendären Time Warp. Wer das Original liebt, erinnert sich unweigerlich an die fantastische Little Nell, die mit ihrer sprühenden Energie und einer technisch perfekten Stepp-Einlage die Rolle der Columbia unsterblich machte. In der 2016er-Version gerät dieser Moment jedoch zum handwerklichen Desaster. Annaleigh Ashford bringt die Nummer schlichtweg nicht überzeugend rüber; nicht nur, dass der Takt hinten und vorne nicht passt – sie trägt für eine Stepp-Nummer nicht einmal Steppschuhe. Diese Entscheidung entlarvt die Lustlosigkeit der Produktion und macht eine der ikonischsten Szenen der Filmgeschichte zu einer hohlen Geste, die man sich besser ganz gespart hätte.

Die Floorshow: Ein verwässertes Finale

Im Original war die Floorshow ein schockierender Effekt – Brad, Janet, Rocky und Columbia plötzlich in Strapsen und Korsetts. Im Remake wurde dieser Moment nur halbherzig umgesetzt. Hinzu kommt ein massives logistisches Problem: Der Pool befindet sich an einer völlig anderen Location, was der Szene ihre surreale Unmittelbarkeit nimmt.

Ein handwerklicher Offenbarungseid folgt unmittelbar nach der Poolszene: Es gibt keinerlei Anschluss. Obwohl die Charaktere eben noch im Wasser waren, sind sie in der nächsten Einstellung plötzlich wieder komplett trocken und perfekt gestylt.

Wenn die Maske zur Parodie wird

Sobald die Handlung Fahrt aufnimmt, wirkt das Remake wie eine glattpolierte Parodie. Janet wirkt zu promiskuitiv, und Rocky erinnert eher an einen muskulösen Pornostar als an ein unsicheres Wesen. Besonders absurd wird es bei Dr. Scott. Trotz der Anspielung auf eine deutsche Nazi-Vergangenheit („Dr. von Scott“) wird er von einem schwarzen Schauspieler (Ben Vereen) verkörpert, was der inneren Logik des Drehbuchs gänzlich widerspricht.

Ein ambivalentes Bild hinterlässt Riff Raff. Der Schauspieler (Reeve Carney) scheint immerhin der Einzige im Hauptcast zu sein, der sich sichtlich Mühe gibt, der Originalfigur von Richard O’Brien so nahe wie möglich zu kommen. Er hat die Bewegungen und die Stimmlage studiert, doch leider kippt dieser Übereifer oft in anstrengendes Overacting. Zudem wirkt er schlichtweg zu jung für die Rolle.

Der Elefant im Raum: Tim Curry

Tim Curry als Erzähler ist das bittere Highlight. Angesichts seiner schweren Erkrankung ist dies die einzige Rolle, die er physisch noch ausfüllen konnte. Er ist der einzige echte Anker zum Original, wirkt aber in dieser künstlichen Welt fast wie ein Fremdkörper.

Ein versöhnlicher Abschluss? Design-Highlights und seltene Songs

Man muss allerdings auch die wenigen kreativen Glanzpunkte erwähnen. Wenn Riff Raff und Magenta am Ende ihre wahre Identität preisgeben, sehen die Space-Kostüme tatsächlich ziemlich cool aus. Ein gelungener Einfall ist die Entscheidung, die ikonische Laserpistole direkt mit einer Gitarre zu verbinden – ein origineller Brückenschlag zum Rock-Musical-Erbe.

Ein weiterer Pluspunkt für Fans ist die Einbeziehung der Nummer „Super Heroes“. Dieser Song ist ein musikalisches Highlight und gibt Brad und Janet einen wichtigen Moment der Reflektion. Doch auch hier bleibt ein fader Beigeschmack: Die Kulisse wirkt extrem billig. Die Trümmer, vor denen die Protagonisten stehen, sind so offensichtlich aus Pappmache gefertigt, dass jede melancholische Stimmung sofort zerstört wird.

Zu hübsch, zu sauber, zu egal

Dort, wo das Original dreckig und mutig war, wirkt die 2016er Version steril. Die Kleidung im Original war verschlissen und schlampig – eine wunderbare „Egal“-Attitüde. Im Remake hingegen wirken alle wie aus einem Modekatalog für Halloween-Kostüme entsprungen.

Fazit: Man hat sich an einigen wenigen Stellen zwar etwas einfallen lassen, aber insgesamt wurde sich viel zu wenig Mühe gegeben. Man spürt kaum Liebe zum Original; zeitweise hat man sogar den Eindruck, der Film würde sich über sein Vorbild lustig machen. Dass das Ganze zudem stark selbstreferenziell daherkommt, hätte wirklich nicht sein müssen.

Zehn Jahre später muss ich feststellen: Meine Meinung hat sich auch nach einem Jahrzehnt nicht geändert. Dieses Remake ist und bleibt völlig unnötig. Es gibt kaum etwas, das diese Version besser macht als der Kultfilm von 1975. Wer das echte „Rocky Horror“-Erlebnis mit all seinem Schmutz und Wahnsinn will, sollte definitiv beim Original bleiben.

Don’t dream it, be it – aber bitte im Original.

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Dominik Sichling

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