Pleinfelds Bücherschrank hat mich mit der Bitch Bibel in Versuchung geführt

An unserem Pleinfelder Bücherschrank habe ich heute den Jackpot gezogen. Die Bitch Bibel von Karin Vogel alias „Katja Krasavice“ war kostenfrei im Angebot und ich habe dieses Werk an einem kurzen Nachmittag gelesen, um nun endlich zu wissen, wie ich mit zwei ausgestreckten Mittelfingern durchs Leben gehen kann, „Cause Stone Cold said so!“ Nein, das war damals 1996 vergleichsweise zu subtil und reflektiert. Die Bitch Bibel haut nur drauf und hört auch nicht auf, wenn die Glocke läutet.

„Ich bin wie ich bin, und das ist toll“: Dies ist hier das Mantra, doch es wirkt wie eine Ausrede, um sich in keinster Weise reflektieren zu müssen. So berichtet sie vom Tod ihres Bruders durch Suizid. Sie schreibt von einem mitgehörten Gespräch zwischen den Eltern, in dem die Mutter einen teureren Grabstein möchte, als sich die Familie leisten kann. Was macht dies mit ihr? Führte dies zu ihrem Verlangen nach großem Einkommen, nach dem später dargestellten Materialismus? Man könnte interpretieren, dass dieses Erlebnis ihr klar machte, dass nur die finanzielle Liquidität im Leben zählt, oder das Gegenteil der Fall ist. Doch dieses sicher traumatische Erlebnis findet nur statt. Wie ein Wikipedia-Artikel, welcher Eckpunkte in einer Biographie aufzählt, schreibt sie hier herunter, was man erwartet: geboren, aufgewachsen, Schicksale, Schule, Geschäft, Erfolg, Erfolg, Erfolg, Erfolg und dann Erfolg.

Frau Vogel erleidet kaum Rückschläge, zwar berichtet sie von Problemen mit YouTube-Regeln, Finanzamt und ungewollter Schwangerschaft, diese bieten jedoch keine spannende Narrative, sondern sind nur kleine Hürden beim immerwährenden Erfolg. Sie beschreibt kurz ihre Gedanken bezüglich ihrer Schwangerschaft und berichtet von der Psychologin bei der Schwangerschaftskonfliktberatung. Sie schreibt davon, wie gut es ihr tat mit dieser zu reden und hier hätte ein Wendepunkt im Buch stattfinden können, doch er tut es nicht.

Die zentrale These des Werkes ist ein „Ich bin wie ich bin“, das klassische Argument der Reflexionslosen. Sie ist nur sich selbst treu und daher ist ihr Handeln immer korrekt. Sie beschreibt zwar ihre offenen Beziehungen, aber spricht auch von namenlosen Freunden, ist sie diesen auch untreu? Nicht klar. Das zeigt sich auch daran, wie ihr Erfolg nur ihrer ist. Zwar hat ihre Mutter ihr beim Start ihrer YouTube Karriere mit 1000-€-Equipment geholfen, es wird jedoch nie klar, ob sie ihrer Familie davon etwas zurückgegeben hat. Die Autorin hat keine Vorbilder, keine Inspiration und keine Geschäftspartner, die auf dem Weg geholfen haben. Kurz wird über ein Management berichtet, dessen Rolle ist aber nur auf das Buchen von Terminen begrenzt.

Generell fällt auf, dass es kaum Dialog oder Nebenfiguren gibt. Neben ihrer Familie wird keine Person mehrmals erwähnt. Sie berichtet von einem namenlosen „Freund“, mit dem sie jahrelang untreu zusammen war. Dieser wird zwar positiv beschrieben, hat jedoch scheinbar keinerlei Einfluss auf ihr Leben. Gab es Konflikte mit ihm bezüglich des freien Auslebens ihrer Sexualität, oder hat er dies begünstigt? Wie hat sich die vier Jahre lange Beziehung mit ihrem Erfolg verändert? Keine Ahnung. Egal. Weiter.

Frauen kommen im Buch nicht gut weg. Bis auf Ihre Mutter und Michaela Schäfer bekleckert sich ihr eigenes Geschlecht nicht mit Ruhm. Frauen mobben sie, verachten sie, akzeptieren sie nicht oder greifen sie an, weil sie Bitch-Konkurrenz ist. Keine Frau hilft ihr jemals, kaum eine Interaktion ist positiv. Für eine Frau, die sich als bisexuell bezeichnet (was im Buch nicht erwähnt wird und es gibt auch kein Outing) scheint sie Frauen nicht sonderlich zu mögen. Diese sind meist „Hater“, die sie aufgrund ihrer Art verachten. In einer sehr prägnanten Szene wird die Protagonistin von einer anderen Frau ohne Vorwarnung angegriffen und verprügelt. Als Grund wird angegeben, dass Frau Vogel der Dame Konkurrenz mit ihrer sexuellen Verfügbarkeit macht und scheinbar die Masche der Dame, Sex für Drogen zu haben, zunichtemacht, weil sie den freien sexuellen Markt mit zu viel Angebot flutet. Die Absurdität dieser Szene toppt das Buch an keiner weiteren Stelle.

Sie macht keine Verbindung zwischen dem drogeninduzierten Suizid ihres 2. Bruders (der erste verstarb an Krebs) und angeblich Crystal Meth-abhängige Angreiferin. Ihren eigenen Drogenkonsum (insbesondere durch Cannabis, sie impliziert aber mehr), stellt sie später in ein positives Licht. Für jemanden, der von zahlreichen Partys erzählt, hat das Buch einen merklichen Mangel an negativen Erfahrungen. Keine Party geht schief, kein Absturz führt zu einem Ändern des Verhaltens.

Das gesamte Werk wirkt wie ein Buch über Frauen, aber aus einer männlichen Perspektive. Ähnlich wie bei „Noch Da“ hat man das Gefühl, dass alle Nicht-Männer nur passive Personen sind, denen Dinge passieren und die hauptsächlich mit Neid und Missgunst beschäftigt sind. Zwar werden Männer auch kritisiert, doch haben diese mehr Handlungsspielraum und helfen Karin auch mal. Generell bekommen Männer sehr viel mehr Spielraum für ihre Handlungen als Frauen. Sie beschreibt Szenen von sexueller Nötigung, ohne diese negativ zu bewerten oder die Situation auch nur einzuordnen. Ein Lachen einer Frau scheint schlimmer als alles, was ein Mann je tun könnte.

Für ein Buch, das sich als „Bibel“ bezeichnet und dessen Kapitel in Gebote aufgeteilt sind, ist Religion auffallend absent. Dabei wäre Matthäus 7 1-5 ein treffendes Vorwort für das Werk und würde es besser einordnen als das belanglose Intro am Strand:

„Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden und nach dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen werden.“ – Jesus

Leipzig kommt auch nicht gut weg

„Ich bin so wie ich bin“ ist nur eine vereinfachte Version der Predigt über das Richten und es fehlt der konsequente zweite Teil „…, und du bist so wie du bist“. Das gesamte Buch setzt sich mit dem Hass und dem Mobbing auseinander, das die Dame für ihren Lebensstil erhält, aber ist gleichzeitig selbst gespickt von großflächigen Urteilen über andere. Tschechien wird beschrieben als Dreckloch, in dem es nur Kriminalität gibt und früher oder später jede Frau sich prostituieren muss, um Geld zu verdienen. Gangs regieren die Straßen und die Ärzte sind unfähig. Für jemanden, der nur sechs Monate seines Lebens dort verbracht hat, scheint es verhältnismäßig im Südsudan entspannt zu Gange zu gehen. Männer werden auch gerichtet. Haben sie einen kleinen Penis oder bringen keine Leistung in der Kiste, so sollten sie sich ihrer Existenz schämen. Selbst befähigte und fähige Männer, die undominante Dinge tun, werden verachtet. Diese Dissonanz an keiner Stelle reflektiert.

Das Verkaufsargument für das Buch sind natürlich die Einblicke in das Sexleben der „Katja Krasavice“.  Praktischerweise sind die „heißen“ Stellen in einem Kapitel zusammengepresst, welches Sexualität so langweilig darstellt, dass meine offene Steuererklärung wie eine erotische Versuchung höchster Sinnlichkeit wirkt. Kurz zusammengefasst: Sie war mal sexsüchtig und hat mit vielen geschlafen, jetzt hat sie immer noch viel Sex, aber mit kuratierten Männern und mit diesen auch öfters als ein Mal. Also von Quantität zu Qualität. Das Buch wird ab 16 empfohlen entsprechend fad sind die wenigen konkreten Beschreibungen. Wie sich das Ganze für sie anfühlt, was ihr Spaß macht oder wie sie sich entwickelt, ist nicht Thema. Durch die Segmentierung fühlt es sich fast wie eine zweite Geschichte ohne Relation zum autobiographischen Plot des Buches an, etwas, was halt auch noch passiert.

Wenn ich so bin wie ich bin, weil ich so bin und alles Externe nicht relevant ist, meine Wirkung auf andere egal, und andere nur Mittel zum Zweck sind, dann stellt sich die Frage, warum ich überhaupt agiere. Die Autorin muss sich über Externes definieren, da ihre eigene Einstellung alles an intrinsischem Selbstwert entfernt hat. Ich weiß nicht, warum man so leben wollen würde, aber ich bin durchaus froh, es nicht tun zu müssen.

Das Buch gibt es kostenfrei im Pleinfelder Bücherschrank.

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