Toxizität, Hass und Sprachbarrieren: Die unterirdische Erfahrung, CS:GO spielen zu wollen

Ich spiele gerne Counter Strike GO. Das früher vieldiskutierte „Killerspiel“, welches in seiner aktuellen Auflage von Valve kostenfrei bereitgestellt wird, ist der für mich unterhaltsamste Shooter, welchen ich am Markt bekomme.

Das Spiel ist sehr gut optimiert und läuft bei mir nie in Fehler. Die Karten sind gut durchdesignt und da spielbeeinflussende Fortschrittselemente komplett fehlen, liegt die Frage, ob ich gewinne oder verliere, nur an meinem Wissen und Können, nicht an besserer Ausrüstung oder anderweitig gekauften oder erspielten Vorteilen.

Nun handelt es sich bei diesem Spiel um eine Mehrspielererfahrung, bei welcher es im kompetitiven Modus, also dem Spielmodus, in welchem man eine festgelegte Anzahl Runden mit festen Teams spielt, im 5 gegen 5, zur Sache geht.

Theoretisch ist das super, ich kann versuchen, erlernte Strategien anzuwenden oder neue zu entwickeln, Scheitern ist oft meine eigene Schuld und ich kann Fehler beim nächsten Mal vermeiden, um so langfristig besser zu werden.

Das Spiel wertet nach einer Partie meine Leistung, und natürlich die meines Teams, aus, und stuft jeden Spieler in eine Stufe ein. Von „Silver 1“ bis zur „Global Elite“. Mein Ziel ist es nicht, den besten Rang zu erreichen, sondern ein Match zu bestreiten mit Spielern auf meinem Level, und so mein Können zu messen. So habe ich mich, mit meinen doch sehr begrenzten Fähigkeiten, von „Silver 1“ über die Jahre hinweg auf „Silver 3“ hochgespielt. Einen Rang, welchen jeder Kenner als absolut lächerlich niedrig bezeichnen würde, aber es geht mir hier nicht um die spielerische Qualität, sondern um die Menschen, mit denen ich gezwungen bin zu spielen, wenn ich weiterkommen will. Ein Überblick:

Sprachbarrieren

Zu erwarten, dass jeder Mensch Deutsch oder Englisch spricht, ist elitär. In einem kommunikationsgetriebenen Mehrspieler-Match ist es jedoch unabdinglich, mit den Teamkollegen zumindest grundlegend zu sprechen. Mitzuteilen, wie viele Gegner an einem Ort sind, kann mir dabei helfen zu wissen, wo ich hin muss, oder durch welchen Bereich ich problemlos laufen kann, da sich dort kein Gegner befindet.

Praktisch ist dies oft unmöglich. Viele Spieler kommunizieren gar nicht, oder sind nicht einer Sprache mächtig, welche andere Teammitglieder verstehen, selbst simple Kommunikation, ob man zum Punkt A oder B geht, ist oft nicht möglich, und scheinbar auch nicht gewünscht. Via Voice-Chat zu kommunizieren habe ich seit langem aufgegeben, zum einem wegen Personen, die nur schreien oder permanent laute Musik streamen, hauptsächlich jedoch aufgrund des unten beschriebenen Verhaltens.

Unaufhörliche Toxizität

Man würde denken, dass das geschieße genug Konfliktpotenzial bietet

Wofür die Sprachkenntnisse der Mitspieler überraschenderweise gut sind, ist Hass und Beleidigung. Jeder Spieler, der besser ist, ist ein dreckiger Cheater, jeder, der schlechter ist, ein verdammter Noob. Dass wir uns in einer der niedrigsten möglichen Spielklassen befinden, scheint den Spielern nicht bewusst. Unzufriedenheit mit dem anderen Spieler ist noch verständlich, jedoch ist dies nur der Beginn.

Mit mannigfaltigen Beschreibungen werden Mitspieler wie Gegner diversen Gruppen, welche die Spieler nicht wertschätzen, zugeordnet und entsprechend herabgewürdigt. Egal ob Frauen, Mitglieder der LGBTQ+ Community, sowie Angehörige sämtlicher Religionen und Nationalitäten: Sie alle sind Feindbilder der jeweiligen Spieler und Hetze gegen diese ist die wichtigste Aufgabe, noch wichtiger als das aktuelle Match zu bestreiten. Exzessive Diskussionen über Sexualität oder Herkunft anderer Spieler sind an der Tagesordnung, und machen in meiner Spielerfahrung über 90 % der Kommunikation in Textchats aus.

Ist im Voicechat eine weibliche Stimme zu hören, oder hat gar jemand eine Stimme, hinter der man jemanden mit nicht-weißer Hautfarbe vermuten könnte, bricht das Spiel vollkommen zusammen und eine Welle an Hass wird losgetreten, die AfD-Kommentarspalten zu Asylrechtsreformen wie eine intellektuelle Debatte wirken lassen.

Einschub: Dann spiel doch mit Freunden: Klar, ich könnte einfach mit vier anderen mir bekannten Personen spielen. Dann hätte ich diese Probleme nicht, aber mit Anfang 30 vier Freunde zu haben, die regelmäßig mit einem 90 Minuten lang das gleiche Spiel spielen, ist etwas, was ich nicht organisieren will. Bei so viel Planung gehe ich lieber mit den Freunden in die Kneipe.

Und dann die Verherrlichung des 3. Reichs…

Nun kann ich Menschen, die scheinbar noch nie eine Frau oder eine Person mit anderer Hautfarbe gesehen haben, nicht viel zutrauen, doch könnte man vermuten, dass es sich hierbei einfach um Personen handelt, welche keine andere Form der Konfliktbewältigung kennen, als Menschen, die anders sind als man selbst, zu beschimpfen. Das macht es nicht richtig, aber erklärt ein bemitleidenswertes Verhalten.

Sehe ich mir jedoch die Profile der obigen Spieler an, so wirkt es doch oft wie eine bewusste Entscheidung, diese Art von Charakter in der Online-Öffentlichkeit zu zeigen. Usernamen und Profilbilder lassen entweder auf einen Hang zur deutschen Geschichte zwischen 1930 und 1945 schließen, oder teilen direkt, mit der Existenz welcher Bevölkerungsgruppe diese unzufrieden sind.

Was nun?

Vor einigen Jahren tauchte bei diversen politischen Veranstaltungen immer wieder ein Herr auf, welcher türkischen Mitbürgern die Schuld an allen Problemen des Landes gab. Von Arbeitslosigkeit bis Scheidungsraten: Die Türken waren schuld. Irgendwann teilte er mir mit, dass er nicht mehr kommen wird. Er war unzufrieden damit, dass ihn nie jemand einlud und dass auf seine „Beiträge“ in Diskussionen nicht eingegangen wurde. Er verhielt sich wie die Teammitglieder aus CS:GO, nur im echten Leben, aber er hatte mit den gleichen Konsequenzen zu kämpfen. Zwar erlitt er keine direkten negativen Konsequenzen, also wurde nicht ausgeschlossen, hatte jedoch keine Chance, jemals in eine Position zu kommen, in welcher er Respekt oder gar Einfluss gewinnen konnte.

Ich denke, das ist etwas, was die hasserfüllten Spieler nicht erkennen. Der Mangel an direkten negativen Konsequenzen, also eine Anzeige oder einer Verbannung aus dem Spiel, ist kein Erfolg, sondern nur der Mangel an Bestrafung. Das führt zwar dazu, dass das Verhalten fortgeführt werden kann, es hat aber auch nicht zur Konsequenz, dass man im Leben irgendwie vorrankommt. Das ist vermutlich auch der Grund, warum sich diese Spieler so sehr mit mir in der „Silver“-Stufe tummeln.

Mit diesen Menschen will ich nicht spielen, es ist ein Privileg, wenn andere die Zeit aufbringen, um mit einem zu spielen, und ich muss mich dieser Atmosphäre nicht aussetzen, also mache ich halt was anderes.

Heißt das, ich bin nicht Mann genug, um sowas auszuhalten und ziehe den Schwanz ein vor irgendwelchen Trollen? Das kann der Fall sein, aber das ist ok. Bewusst zu entscheiden, in welchen sozialen Konstrukten man sich aufhält, ist für mich größte Privileg der Freiheit, und wenn es das Lebensblut der Gruppe ist, Hass zu verbreiten, dann bin ich dort eben nicht mehr zu finden.

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Dominik Sichling

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