YouTube Shorts sind Schrott – Eine Analyse

YouTube hat ein chinesisches Problem namens TikTok. Das neue soziale Netzwerk entsprang scheinbar aus dem Nichts und ist bei der wichtigen Zielgruppe der 14-29-Jährigen die zentrale Videoplattform.

Dass die westliche Jugend ihre Sozialisation auf einer chinesischen Plattform durchlebt, ist ein Thema für einen anderen Artikel, hier möchte ich über die Reaktion des Hauptkonkurrenten sprechen. YouTube ist schon lange keine reine Videoplattform mehr, sondern optimiert auf die Nutzererfahrung durch „Watch Time“, also den Versuch, die Zuschauer so lang wie möglich auf der Plattform zu halten. YouTube schafft Anreize, um Videoketten zum gleichen Thema oder vom gleichen Ersteller zu ermöglichen, TikTok wählt ein anderes Modell. Ich sehe ein kurzes Video nach dem anderen und kann es bewerten. Wenn mir etwas nicht gefällt, ziehe ich es weg und erhalte ein neues. Das gleiche Prinzip, welches Glücksspielautomaten verwenden und Facebook in seinem Feed perfektioniert hat.

Bei den neuen Shorts suche ich kein Video, sondern lasse mich berieseln. Wenn mir etwas gefällt, kann ich es liken, wenn nicht, kann ich es negativ bewerten oder einfach nach oben ziehen. Die schiere Menge lässt mich schnell vergessen, wenn mir etwas nicht gepasst hat. Die Idee finde ich gar nicht schlecht: Die Videos sind kurz, genug Platz für einen Witz, etwas Interessantes in der Natur, ein nettes Haustier oder ein interessanter Fakt.

Die tatsächlichen Inhalte

Klar, die Inhalte sind personalisiert, aber ich habe hier mal mit ein paar Accounts getestet und keinen echten Unterschied feststellen können, außer dass ich ohne Anmeldung viele Videos mit arabischen Titeln erhielt.

Technische Abgründe

20% Lustiger mit dem Kommentar

Was ich sehe, ist Müll. Shorts sind von der Länge begrenzt und immer Hochkant. Das hält aber viele nicht davon ab, trotzdem Videos im falschen Format hochzuladen, was zu einem winzigen Bild führt. Auch sind viele Clips einfach Reuploads von TikTok, was am sichtbaren Wasserzeichen deutlich wird. Viel schlimmer finde ich jedoch die Einbindungen von Videos in Reaktionen. So wurde mir ein uralter Clip eines Pianospielers mehrmals eingeblendet. Im falschen Format, mit einer unnötigen Überschrift und dem Screenshot eines Kommentares.

Diese Videos liefen schon vor 20 Jahren bei „Upps! – Die Pannenshow“, wobei diese Sendung im Vergleich wie ein Produktions-Meisterwerk wirkt.

Leute kommentieren langweilige Videos

Inhaltlich erhalte ich oft Kommentarvideos. Hier blenden sich Menschen über andere Videos ein und kommentieren diese. Es handelt sich hier oft um Profis eines Fachs, wie Ärzte oder Anwälte, welche ein scheinbar spektakuläres Video kommentieren. Warum ich dutzende Videos sehen möchte, wie irgendwelche Haarentfernungen kommentiert werden, erschließt sich mir nicht, ein Medizinstudium scheint im Vergleich ein Unterhaltungskracher zu sein.

Komische Business-Tipps

Hiervon gibt es hunderte.

Nachdem ich einen Uraltwitz gesehen habe und dankbar bin, bei guter Gesundheit zu sein, muss ich natürlich etwas Kohle ranschaffen. Die Shorts versorgen mich hier. Ich erhalte Tipps aus der Hochdruckwäscherindustrie und Anleitungen, wie ich Autokredite verhandle. Auch mit Getränkeautomaten kann man scheinbar Milliarden verdienen. Einer geregelten Anstellung geht hier niemand nach.

Umworben wird auch passives Einkommen. Dubiose Apps versprechen mir ein paar Cent am Tag und mit diesen 5 einfachen Tricks werde ich morgen zum Millionär.

Da ich bald zu dieser Gruppe gehöre, erhalte ich hunderte Tipps für das „Millionär-Mindset“. Diese Lektionen beschränken sich auf BWL-Grundkenntnisse, wie man sie aus den „Wirtschaft und Soziales“-Unterrichtsstunden der 5. Klasse kennt.  Kaufe dir kein teures Auto, wenn du das Geld nicht hast, beachte langfristige Kosten, investiere dein Geld statt es zu verpulvern. Die Inhalte sind immer gleich und helfen mir überhaupt nicht dabei, meinen Lebensstandard zu erhöhen, sondern lassen mich über Probleme nachdenken, die ich gerne hätte, wenn ich reich wäre. Tipps, welche Versicherungen ich mir sparen kann, wie ich Porto bei der Post spare oder Wohngeld beantrage, wären realitätsnäher, sowas ist aber nicht im Feed.

Die Grundnarrative ist hier so simpel wie sie pervers ist: Du musst dich darauf vorbereiten reich zu sein, da es mit den ganzen Geschäftsideen und den Motivationsvideos für harte Arbeit auf jeden Fall dazu kommt. Wenn du nicht in ein paar Jahren reich bist, dann ist es wohl deine Schuld. Arme Menschen haben nur das falsche Mindset, selbst schuld, wenn sie nicht die ganzen Shorts sehen.

Diese dumme Computerstimme ist nicht lustig

Ist Family Guy nicht lustiger, wenn ein Text mit der Pointe vorgelesen wird und der Show-Titel mit einem Emoji unter dem Bild steht?

Unterhaltung findest du oft im Format „Meine Frau/Schwester/Chefin wenn …“. Hier wird eine Reaktion gefilmt und eine, meist weibliche, Computerstimme liest einen Text vor, welcher auch nochmal im Bild steht. „Meine Schwester, wenn ich für 300 € Schuhe kaufe“, mit einem geschockten Gesicht, ist hier die Spitze der Unterhaltung. Warum man sich hier nicht mal die Mühe macht, einen Sketch daraus zu machen, ist für mich nicht verständlich, mir ist kein Weg bekannt, noch weniger Mühe in die Produktion zu stecken.

Die wenigen echten Sketche, Inhalt, den ich bei diesem Format erwartet hätte, sind immer gleich. Zwei Personen unterhalten sich, manchmal mit einer Requisite. Kreative Mühe, wie man sie früher bei Vine oft gesehen hat, ist nicht zu finden. Die Themen sind immer Beziehung, Familie und Materialismus. Der Influencer steht immer gut da, Selbstkritik oder Metahumor, welche sich über die Abstrusität der anderen Shorts lustig machen, sind kaum zu finden.

Materialismus

Wenn mein ganzes Geld und die tolle Unterhaltung mich nicht glücklich machen, dann muss ich die Lücke in meinem Leben eben durch Dinge ausgleichen. Wo ich bei Instagram zumindest noch von Influencern Erlebnisse wie Urlaub oder Sportevents zu sehen bekam, sind es hier Unboxings und schamlose Angeberei. So viele Smartwatches und Teslas, wie hier erworben werden, könnte ich nicht mal verwenden. Über Marken-Schuhe gibt es mehr zu wissen, als man für einen guten Studienabschluss braucht, und neben Rubbellosen wird versucht, mit dem Öffnen von Sammelkarten reich zu werden. LinusTechTips hat diese hirnlose Konsumkultur in seinem viralen Jubiläumsstream bereits treffend kommentiert.

Die immer gleiche Musik

Gefühlt gibt es fünf Musikstücke, welche ich für den Hintergrund eines Videos nutzen kann. Oh No von Capone ist hier der König. Irgendetwas Kaputtes oder schief Gegangenes wird immer gleich unterlegt. Bonuspunkte, wenn ich das, was ich sehe, noch mit Text im Bild beschrieben bekomme und die Computerstimme es noch vorliest.

Und dann das Getanze

Dass Menschen tanzen ist so präsent in den Kulturen, dass es offensichtlich zur menschlichen Natur gehört, sich über Bewegung auszudrücken. Echten Tanzinhalt finde ich nicht. Dass hier mal ein paar neue Moves gezeigt werden oder ein Tänzer zeigt, wie er eine Choreographie ausarbeitet, ist nicht vorhanden.

Videos, in welchen der immer gleiche Song genutzt wird, um dann über Text eine kurze Geschichte einzublenden, sind im Gegensatz omnipräsent. Aufgefallen ist es mir bei einem Trend, in welchem sich zu dem Lied Grace Kelly von MIKA bewegt wurde und dabei Geschichten aus dem Leben in Textform eingeblendet wurden. Das fing an mit simplen Geschichten, wie man in der Schule geschummelt hat oder heimlich Nachrichten an einen Schwarm geschickt hat, eskalierte jedoch schnell zu Geschichten von häuslicher Gewalt oder Missbrauch.

Ich erinnerte mich hier, wie eine Dame aus einem Nürnberger Frauenhaus bei einer politischen Veranstaltung ihre Geschichte erzählte und die Anwesenden emotional mitnahm. Das war emotional anstrengend, aber klärt auf und bildet Charakter. Mit komischem Gedudel und Getanze dahinter distanziert sich das von der Realität und es geht unter im Einheitsbrei der Trivialität.

Und jetzt werden wir mal politisch

Abgerundet wird die Erfahrung durch politische Inhalte. Keine aktuellen Statements aus Parlamenten oder Meinungen zu aktuellen Diskussionen finde ich hier, sondern Ausschnitte, die großenteils dem „Intellectual Dark Web“ entstammen und ein eher regressives Weltbild präsentieren. Ich werde darüber informiert, wie schlimm Feminist*innen sind, dass sich Trans-Personen mal nicht so anstellen sollen, dass Frauen ja eigentlich in der Küche stehen wollen, dass gendergerechte Sprache das Ende der Zivilisation ist und dass die Welt zu Grunde geht, weil es keine echten Männer mehr gibt. Dabei wird es nie konkret, sondern es geht mehr darum, ein wertebasiertes Weltbild zu vermitteln, welches so nie real existierte und vage genug ist, dass ich es so anpassen kann, dass es zu meiner Vision passt.

Das Härteste in der Politik, zumindest in meiner Erfahrung, ist ein Problem ganz konkret anzugehen. Mit einem Gesetzesvorschlag oder einem Handlungskonzept. Die Ausarbeitung ist aufwendig, es gibt vieles zu beachten und ich mache mich angreifbar. Allgemeinposten zu fordern ist einfach und populär, aber inhaltsleer. Die Frage „Welche konkreten politischen Handlungsschritte leiten Sie aus Ihrer Forderung ab?“ vermisse ich in den Podcast-Ausschnitten sehnlich.

Welche Inhalte ich mir wünsche

Ich denke, das Format hat Potenzial. Vine hat damals gezeigt, wie Einschränkung die Kreativität fördern kann. YouTube stellt eigene Boni für das neue Format bereit um die Autoren zu fördern. Ich wünsche mir aber ganz andere Inhalte: Rapper, die ein paar neue Zeilen präsentieren, DJs, die eine Idee für einen Remix vorab präsentieren, Museen, die eines der Kunstwerke vorstellen, Parteien, die ein konkretes Argument präsentieren, oder einfach nur jemanden, der einen guten Witz erzählt.

Fazit

Solche Inhalte wünsche ich mir

Ich denke, aktuell sind die Shorts zu voll mit Müll. Es gibt ein paar gute Kanäle, die kurz Interessantes ausarbeiten, diese machen aber in meinem Test nur einen marginalen Anteil aus. YouTube möchte kein Fernsehsender sein, daher wird die Plattform nicht moderiert, aber was mir nicht klar ist, ist warum mir so viele gleiche Inhalte angezeigt werden, selbst wenn ich diese negativ bewerte. Kann es sein, dass es einfach so wenige Inhalte gibt, dass YouTube nichts hat, was es mir zeigen kann?

Es muss auf jeden Fall besser werden, um einen Mehrwert zu schaffen, aber es gibt genug Portale im Internet, welche eine Resterampe für schlechten Inhalt bieten und sich trotzdem enormer Beliebtheit erfreuen, ich fände es nur nett, wenn wir uns etwas mehr Mühe mit dem geben, womit wir unsere Mitmenschen unterhalten.

Share on facebook
Share on twitter
Share on pinterest
Share on whatsapp
Share on skype
Share on email
Freunde und Kollegen:

Dieser Beitrag beinhaltet möglicherweise einen oder mehrere sogenannte Provision-Links. Wenn Du auf so einen Verweislink klickst und über diesen Link einkaufst, bekommen wir für Deinen Einkauf eine Provision. Du bezahlst dadurch nicht mehr, als bei einem Einkauf ohne Link. Gegebenenfalls können mit dem Einkauf über den Partnerlink auch Rabatte oder spezielle Konditionen verbunden sein, welche in der Regel mit angegeben sind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Nach oben
sichling.de ist jetzt StoryOwl.de
Dominik Sichling

Du wunderst dich, wo du gelandet bist?
sichling.de ist künftig unter storyowl.de zu finden. Solltest du noch veraltete Lesezeichen haben, aktualisiere sie bitte.